Antwort vom 10. September 2009
Aus Essen wird ein Thema
Liebe Karina,
Essen ist bei euch zum Thema geworden, das verstehe ich nur zu gut.
Wir haben das gleiche erlebt, bis wir von unserer Kinderärztin eindringlich gebeten wurden, ''unser'' Thema, denn das ist es haargenau (wir kochen gern gesund und mit Aufwand), nicht zum Thema unseres Kindes zu machen. (Siehe hierzu auch Bücher von Jesper Juul).
Eine befreundete Kinderärztin einer Freundin hat uns das gleiche bestätigt.
Unser Sohn ist sehr dünn, ist heikel und speziell mit dem Essen, probiert kaum etwas. Selbst im Waldkindergarten am ''Teiletag'' hat er kein Interesse an mitgebrachten Spezialitäten entwickelt.
Unsere Kinderärztin hat uns erklärt, dass wir keinerlei Aufheben um das Thema Essen machen sollten - keine Extrakochereien.
Ich bin auch der Meinung, dass es grundfalsch ist, wenn Alternativen angeboten werden, wenn das ursprünglich gekochte Essen nicht passt. Das Kind lernt dadurch, dass es Schlupflöcher und Ausweichmöglichkeiten gibt, wenn es etwas nicht (essen) mag.
So ist es zumindest in meiner Kindheit gewesen! Mir wurde immer etwas anderes gekocht, immer konnte ich mich beim Essen durchsetzen, weil ich dünn war und zunehmen sollte. Ich glaube, dass Kinder auch in dieser Beziehung Grenzen brauchen. Mögen sie etwas nicht, obwohl man ihren Geschmack von letzter Woche, als es das gleiche Gericht gab, getroffen zu haben glaubt, dann gibt es halt nichts! Oder nur die Kartoffeln ohne Drumherum! Süßigkeiten oder Nachtisch dürfen natürlich auch nicht als Ersatz herhalten.
Wenn dann zur Abholzeit im Kindergarten der Magen knurrt, die Laune an der Mama ausgelassen wird, dann lernen Kinder nur durch Konsequenz - und vor allen Dingen durch eigene Erfahrung - dass es eben besser ist etwas mitzuessen, anstatt zu mäkeln.
Hierzulande gibt es ja wohl genug leckere Sachen, die für Kinder aufgetischt werden können, ohne origamisches Geschick aus der Spitzengastronomie für Staatsdinner...
Essen soll auch nicht zum Machtkampf ausarten. Essen soll doch nur genüsslich sein - zusammensitzen, genießen, Schmeckliches entdecken...
Laut unserer Kinderärztin holen sich Kinder alles, was sie brauchen. Wenn sie genug trinken (auch daran nicht ständig erinnern und anmahnen...), ist alles im Lot im Nahrungsenergiebereich. Je mehr aber ein Ding aus dem Thema gemacht wird, umso mehr entsteht Ablehnung. Entspannung kann bei großer Erwartungshaltung gar nicht aufkommen! Das habe ich selbst mit unserem Sohn erlebt, dem unsere täglichen Tiraden mächtig genervt haben müssen: ,,In unserer Familie gibt es keine schlechten Esser.'' / ,,Probier doch wenigstens, uns schmeckt es doch auch!'' / Iss' wenigstens ein wenig, damit du etwas auf die Rippen kriegst.'' (Hier steckt sprachwissenschaftlich betrachtet auch gleich noch das Wort Krieg im Satz!!!)
Ich bin froh, dass du der Idee mit dem ''Essstörungscheck'' nicht nachgegangen bist! Was bitteschön ist denn normal??? Manche Kinder haben halt kein sehr großes Interesse an Essen, gemütliches Sitzen am riesengroßen Tisch, sie haben andere Interessen!!!!
Ich finde es unglaublich, dass Eltern so zugesetzt und in normal/nicht normal unterteilt wird, ohne Graustufen, nur schwarz/weiß!
Vielleicht entwickelt sich euer Sohn später einmal zu einem Weinliebhaber, mag aber partout nie Bier; vielleicht liegt ihm später gar nichts am Essen, sieht es als notwendig, nicht aber als Genuss an - wer weiß?
Ist euer Sohn bei U-Untersuchungen denn auffällig untergewichtig?
Ich finde es inzwischen nach allem was wir erlebt, gehört, bedacht und selbstkritisch geändert haben wichtig, dass das Kind das Gefühl bekommt, als Eltern vertraut man dem Sättigungsgefühl, der Lebensmittelvorliebe, dem Bedürfnis des Kindes nach Nahrungsaufnahme.
Wir versuchen ja auch nicht Freunde, die gern bayerisch essen, mit Engelszungen zu bekehren, nur noch in ein französisches Lokal zu gehen, weil es beispielsweise gesünder wäre...
Was hilft jeden Tag auf's Neue? - Lässiger werden. Essen auf seine Weise einfach schlicht zubereiten, ohne Gedöns und Getöse, dann einfach selbst genießen. Immerhin sehen die Kinder dann die Vielfalt und den Reichtum auf dem Tisch, auch wenn sie ihn nicht schmecken wollen....
- Wenn man selbst unverkrampfter mit einem Thema umgeht, dann entspannen plötzlich alle.
Viel Glück wünscht euch mitfühlend
emmi