Frage vom 11. September 2008
In Anlehnung an eine vorangehende Frage bzw. Info bezüglich einer neuen Studie im Hinblick auf Grippeschutzimfungen, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um an dieser Stelle die medizinische Seite zum viel diskutierten Thema Impfungen, zu "vertreten":
- ich persönlich bin als Mutter und Kinderärztin der Meinung, dass man die Möglichkeiten, die einem der medizinische Fortschritt beschert und die der Sicherheit des Kindes dienen, nutzen sollte; schließlich geht es um Krankheiten, die nicht selten mit Komplikationen behaftet sind und z.T. sogar lebensgefährlich verlaufen können. Natürlich gibt es immer wieder das Argument, dass man früher diese Krankheiten auch "durchmachen" mußte und man dadaurch das Immunsystem gestärkt habe, ABER: wer möchte denn seinem Kind zumuten, an Tetanus (Wundstarrkrampf), Kinderlähmung o.ä. zu erkranken, wenn es nicht sein muß??? Immerhin haben einige dieser Infektionskrankheiten eine Letalität von bis zum 30% (d.h. sie verlaufen in 30% der Fälle tödlich) und die hohen Todesraten kann man in Ländern, die einen nicht so hohen medizinischen Standard haben, durchaus erkennen. Man mag viell. denken, dass diese Länder weit weg sind und die Wahrscheinlichkeit, dass das eigene Kind daran erkrankt, doch eher gering ist und das wird (zum Glück) in den meisten Fällen auch so sein, aber in Zeiten der Globalisierung, kann man sich zum Einen nicht darauf verlassen und zum Anderen könnte zumindest ich nicht damit klarkommen, wenn eines meiner Kinder an einer solchen Infektion erkrankt und ich es hätte verhindern können...
- neben dem individuellen Schutz geht es bei diesem Thema aber auch darum, Epidemien zu verhindern bzw. ein "Kollektiv" zu schützen, d.h. auch die Personen, die aus div. Gründen nicht geimpft werden können (z.B. ist ein 1-jähriges Kind noch nicht gegen Masern geimpft und könnte von einem infizierten Kind angesteckt werden. Leider mußte ich in meiner beruflichen Laufbahn einige Kinder sehen, die durch eine Masernerkrankung schwer geschädigt waren (und nicht selten auch die viell. an sich "harmlosen" Windpocken, die stationär aufgenommen werden mußten, weil es (durch das Kratzen der juckenden Stellen) zu einer Wundinfektion gekommen war). Soviel aus meiner, wie gesagt persönlichen und beruflich geprägten Sicht; anbei aber noch einige "Fakten" zu diesem Thema:
Quelle: Robert-Koch-Institut:
Warum Impfen wichtig ist
Infektionskrankheiten stellten in der Vergangenheit die häufigste Todesursache dar. Noch um 1900 verstarben jährlich 65.000 Kinder allein an Keuchhusten, Diphtherie und Scharlach. Heute sind solche Todesfälle Gott sei Dank die große Ausnahme. Dazu beigetragen haben neben der Verbesserung der sozioökonomischen Bedingungen und der zunehmenden Verfügbarkeit von Antibiotika vor allem die Schutzimpfungen.
Impfungen schützen
Unmittelbares Ziel der Impfung ist die Aktivierung des Immunsystems gegenüber bestimmten eindringenden Erregern und die Verhinderung einer Erkrankung:
- Schweren Infektionskrankheiten, bei denen es keine oder nur begrenzte Therapiemöglichkeiten gegen den Krankheitserreger gibt. Zum Beispiel Hepatitis B, Kinderlähmung (Poliomyelitis), Tollwut, Diphtherie, Wundstarrkrampf (Tetanus), Hepatitis A bei Erwachsenen.
- Möglichen schweren Komplikationen bei Infektionskrankheiten z.B. Gehirnentzündung (Masernenzephalitis) mit einer Letalitätsrate von 20-30 %.
- Möglichen schweren Krankheitsverläufen bei Risikopatienten z.B. Influenzaschutzimpfung bei Älteren und Personen mit spezifischen Grundkrankheiten.
- Infektionskrankheiten, die während der Schwangerschaft (z.B. Röteln) oder der Geburt (z.B. Windpocken) zu schweren Schäden beim Kind führen können.
Kollektivschutz der Bevölkerung
Neben dem Schutz des Individuums gegen Erreger, die von Mensch zu Mensch übertragen werden, haben viele Impfungen noch einen weiteren Effekt: Sie führen zu einem Kollektivschutz der Bevölkerung. Dadurch wird das Auftreten von Epidemien verhindert und es werden Personen geschützt, bei denen aus medizinischen Gründen eine Impfung nicht durchgeführt werden kann.
Bei hohen Durchimpfungsraten können Infektionsketten unterbrochen und Krankheitserreger regional eliminiert und schließlich weltweit ausgerottet werden. Bei einer Krankheit wie dem Tetanus, dessen Erreger im Darm von Tieren und damit auch im Boden vorkommt und der deshalb nach jeder verschmutzten Wunde entstehen kann, besteht ein Schutz nur für Personen mit aktuellem Impfschutz. Selbst eine überstandene Erkrankung an Tetanus garantiert keinen Immunschutz - nur die regelmäßige Impfung ist dazu in der Lage.
Durch groß angelegte internationale Impfprogramme konnten bisher die Pocken weltweit ausgerottet und die Impfung nachfolgend eingestellt werden. Bei der Kinderlähmung (Poliomyelitis) ist das ebenfalls in den meisten Ländern der Welt und auch in Europa erreicht.
Vor Einführung der Impfung war auch in Deutschland die Kinderlähmung noch für tausende von Todesfällen und Behinderungen verantwortlich. Da der Polio-Erreger in einigen Entwicklungsländern noch immer zirkuliert und damit die Gefahr der Einschleppung besteht, muss weiter geimpft werden. Auch die Diphtherie hat durch konsequentes Impfen ihren Schrecken weitgehend verloren.
Diese Erfolge der Impfungen haben dazu geführt, dass sich heute viele Menschen der Gefährlichkeit von Infektionskrankheiten nicht mehr bewusst sind. Häufig ist auch nicht bekannt, dass die Erreger von Masern, Mumps und Keuchhusten bei uns noch weit verbreitet sind. Durch den zunehmenden Reiseverkehr besteht auch die Gefahr des Imports von Infektionskrankheiten.
Schutzimpfung
Eine Schutzimpfung imitiert das natürliche Geschehen im Immunsystem des Infizierten. Dabei werden die körpereigenen, immunologischen Abwehrsysteme durch Verabreichung abgetöteter oder stark abgeschwächter Erreger genutzt, um einen Immunschutz aufzubauen. Ein erneuter Kontakt mit denselben Erregern führt dann nicht mehr zu einer Infektion oder zumindest nicht mehr zur Erkrankung.
Je nach Impfstoff kann dieser Schutz lebenslang sein oder muss durch Auffrischimpfungen wieder aktiviert werden. So erzeugt die Impfung gegen Masern-Mumps-Röteln nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand bei fast allen Geimpften eine lebenslange Immunität. Gegen Diphtherie und Tetanus muss der Impfschutz dagegen alle 10 Jahre aufgefrischt werden, gegen das sich ständig ändernde Influenzavirus sogar jährlich.
Säuglinge und Kleinkinder
Bei Infektionskrankheiten sind Säuglinge und Kleinkinder besonders stark bedroht. Zum Aufbau eines frühen Immunschutzes sollen die meisten empfohlenen Impfungen deshalb bereits im 3. Lebensmonat begonnen werden. Nach den derzeit gültigen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) sollten Kinder spätestens bis zum vollendeten 14. Lebensmonat eine Grundimmunisierung gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten (Pertussis), Polio, Hepatitis B und Haemophilus influenza Typ b besitzen sowie mindestens einmal gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) und Windpocken geimpft sein.
Die 2. MMR-Impfung sollte bis zum Ende des 2. Lebensjahres erfolgen. Durch die Verwendung von Kombinationsimpfstoffen können Kleinkinder heute mit nur sieben Injektionen effektiv gegen neun Infektionskrankheiten geschützt werden! Moderne Impfstoffe sind effektiv und gut verträglich. Unerwünschte schwerwiegende Nebenwirkungen werden nur in ganz seltenen Fällen beobachtet.
Bei erreichten niedrigen Erkrankungsraten werden jedoch selbst sehr seltene Impfkomplikationen für die Gesellschaft zu einem breit diskutierten Problem. In vielen Ländern genießen Personen mit impfkritischen Einstellungen deshalb zeitweise eine hohe Aufmerksamkeit in den Medien. Nicht bewiesene Thesen oder Gerüchte über angebliche schädliche Impffolgen (Autismus, Diabetes, MS) können die Impfstrategie erheblich erschweren und zu Rückschlägen bei der Eliminierung bestimmter Krankheiten führen.
Der häufigste Grund für Nichtimpfen ist Vergessen oder falsche Kontraindikationen wie banale Infekte. Auskunft zu Impffragen erteilen Ihr Hausarzt, Kinder- und Jugendarzt und Ihr Gesundheitsamt.
Ich würde mich freuen, Eure Meinung zu diesem Thema zu lesen und bin für Fragen und Gegenargumente jederzeit offen.
Liebe Grüße
Snjezana
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