Antwort vom 30. November 2009
Die Zeit in unserer Grundschule ‘‘Montessori für Alle – Biberkor‘‘ hat gerade soeben Mitte September begonnen, aber unser Kind fühlt sich dort wohl und aufgehoben.
Der Unterrichtsvormittag ist abwechslungsreich (unser Kind erzählt nachmittags lebhaft und lebendig davon, Eltern können außerdem hospitieren, sodass ihnen immer wieder eine Möglichkeit gegeben wird, zu sehen, wie sich die Kinder beschäftigen, wie sie miteinander umgehen, wie sie in ihrer Arbeit aufgehen. – Für die Kinder ist übrigens alles Arbeit! Unser Sohn spricht auch nachmittags von seiner ,,Arbeit‘‘ und möchte sogar noch nachmittags am liebsten weiterarbeiten – Buchstaben schreiben oder rechnen. Vormittags können sich die Kinder je nach Entwicklungsverlauf bzw. Neigung zuerst ausgiebig mit Buchstaben, dem Lesenlernen, befassen oder Rechenaufgaben widmen. Es kann sein, dass sich Kinder wochenlang schwerpunktmäßig nur mit dem Alphabet beschäftigen. Wenn sich die Zeit (von allein) einstellt, dass sich die Kinder für Zahlen interessieren, rechnen sie wochen- oder monatelang – und verbringen damit ihren Vormittag. Neben allen Grundfächern geschieht noch eine Menge Unterricht mehr: Fragen und Antworten zum Thema Wie entstand die Welt? oder zum Thema Religion Hat alles eine Seele? oder Philosophie Was ist ein Zuhause? oder Wie kommt eigentlich das ,,Rasen-betreten-verboten-Schild‘‘ immer mitten auf den Rasen? bewegen die Kindergemüter.
Mir ist es wichtig, dass Grundschüler Freude beim Lernen erleben - durch Ausprobieren, Selbermachen, Begreifen. Lernen soll in meinen Augen aber nicht das Schüren von Angst vor Pisa-Studien beinhalten, sondern Lust auf Lernen mit allen Sinnen machen.
Die Lehrer sind klar bei ihren Anweisungen. Kindern werden ihre Schwächen nicht vorgehalten. Sie lernen in ihrem Tempo, ihnen wird Zeit gegeben für ihre Lernschritte – unter Berücksichtigung des bayerischen Lehrplans.
Die Grundschulgruppen bestehen jeweils aus Erstklässlern, Zweit- und Drittklässlern mit je zwei Klassenlehrern. Kleine Kinder lernen so von den größeren, die älteren lernen Rücksichtnahme, übernehmen Verantwortung als Wegbegleiter. Sie weisen die Kleinen hier und da ein, machen sie auf Fehler ,,geschwisterlich‘‘ aufmerksam, wenn sie gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten. In der Gruppe werden auch Kinder mit gesundheitlichen Einschränkungen (geistigen oder körperlichen) betreut – und voll integriert! Das ist gelebte Gemeinschaft: Kinder, deren Körper mit Beinverkürzung oder Down Syndrom weniger beweglich sind, werden von allen als genauso vollkommen wahrgenommen, sind nicht in extra Förderschulen, weil eine zusätzliche Betreuungsperson mit den Lehrern und den Kindern umsorgt.
Das Betreuungsangebot ist auch sehr verlässlich. Fällt ein Lehrer wegen Krankheit aus, übernimmt der zweite Klassenlehrer und/oder Ersatz die Gestaltung des Unterrichts.
Ich freue mich unsagbar, wenn unser Sohn nach der Schule fröhlich nach Hause kommt, übersprudelnd von allen Sinneseindrücken und Erkenntnissen berichtet. Es ist zwar ein langer Tag, gerade auch für die Erstklässler, aber immerhin verbringen sie ihren Tag mit bekannten Gesichtern, da die meisten Kinder den ganzen Tag da sind. In den Neigungsgruppen finden sich am Nachmittag auch Kinder aus anderen Gruppen ein. Dadurch lernen sich allerdings alle Grundschulkinder gut kennen.
Die Lehrer aller Grundschulklassen sind allesamt sehr engagiert, herzlich – und klar in ihren Vorgaben. Es gibt klare Regeln, die die Kinder als ,,Alltagsrahmen‘‘ akzeptieren.
Eine Projektwoche zum Thema Theater habe ich auch schon erleben können: Was die Kinder von der ersten bis zur zwölften Klasse alles in einer kurzen Woche auf die Beine gestellt und als Stücke vorgeführt haben, hat mir Gänsehaut beschert, weil ich tief beeindruckt war.
Wenn die Kinder in der Malgruppe sind, dürfen sie sich ihr eigenes Motiv aussuchen: Es hängen anschließend keine 30 Pilze oder Kakteen, die gleich aussehen, an Schulwänden, die von den einzelnen Kindern als ihr Werk nicht wiedererkannt werden…
Die Kinder haben früh eine kleine Brotzeitpause, bevor der Unterricht um 13:15 Uhr endet und sie sich auf den Weg ins Schulrestaurant begeben. Sie können in Ruhe essen und sind anschließend auf dem Schulgelände zum Toben und Spielen. Die Lehrer sind beim Essen dabei, werden dabei von drei Müttern unterstützt.
Bis der ,,Neigungsunterricht‘‘ um etwa 14:00 Uhr weitergeht, haben sie also ausreichend Bewegungsfreiheit! Auf dem Schulhof spielen Kinder verschiedenen Alters auch Fußball zusammen. Dabei sind alle Lehrer anwesend.
In den Neigungsgruppen fühlen sich die Kinder nachmittags (Montag bis Donnerstag; Freitag ist um 13:00 Uhr Schulschluss) wohl, weil sie ihre ,,Neigungsgruppe‘‘ nach Vorlieben und Interessen zu Schuljahresbeginn gewählt haben. Sie können werkeln, skateboardfahren, fußballspielen, malen, auf Schatzsuche gehen, Yoga ausprobieren oder Spanisch lernen, Walderlebnisse teilen, Seifen herstellen, Schwerter und Säbel sägen. Die Schule endet um 15:45 Uhr, die Busse bringen die Kinder ab 16:00 Uhr an verschiedene Abholstandorte.
Natürlich höre ich auch davon, dass Kinder andere ärgern. In der Schule hängen auch Informationen zum Thema Umgang mit Mobbing aus. Da die Kinder dahingehend von ihren Lehrkräften begleitet werden, ihre eigenen Stärken zu finden, ihnen nachzugehen und sie auszubauen, habe ich bis jetzt nur gut geankerte Kinder kennengelernt, die sich gut zu wehren wissen, weil sie für sich mit ihrer Meinung einstehen und klar und gleich direkt äußern, wenn sie mit Handlungen ihrer Mitschüler nicht einverstanden sind. Selbstvertrauen fördern und ermutigen stärkt, finde ich, sehr.
Alles fällt und steht auch mit den Klassenlehrern, oder? Je nachdem, wie sehr ihnen das Wohl und Aufwachsen der Kinder am Herzen liegt…
Eine Anregung dazu gibt es als Poster für Schulen von Otto Herz…
Viele reformpädagogischgeprägte Grüße sendet
emmi